Tourdaten:
Mit dem Motorrad 1.270 km und 2.600 Höhenmeter
Route:
von Stuttgart über den Allgäu, nach Österreich und Italien
Highlights entlang der Strecke:
Es war einer dieser Tage, an denen selbst die Wetter-App klingt, als hätte sie schlechte Laune. Drei Tage Dauerregen in Deutschland – keine Tropfenromantik, sondern grauer Schleier, der Stimmung und Motorradreifen gleichermaßen aufsaugt. Die Lösung? Flucht nach Süden. Kurzentschlossen, fast schon filmreif: eine spontane Flucht aus dem Regen, hinein in die Sonne.
Unser Gepäck? Minimalistisch, aber erstaunlich effizient: zwei Innentaschen der Touring-Koffer und ein dritter Koffer auf dem Heck – das war alles. Und siehe da: Ein Motorrad kann durchaus zum Raumwunder mutieren, wenn man den Stauraum richtig nutzt. Ich war mehr als überrascht, wie viel in so ein rollendes Abenteuergerät passt.
In unseren Motorradklamotten – die wir liebevoll „Astronautenanzüge“ nennen – starteten wir bei Sonnenschein in Stuttgart. Die Autobahn ignorierten wir bewusst. Stattdessen: die Schwäbische Alb, oder wie die Einheimischen sagen, „die Schwabenalb“. Eine Landschaft wie aus einem Historienfilm: sanfte Hügel, steinerne Burgen, mittelalterliche Städtchen wie aufgereihte Perlen entlang der Strecke.
Unser erster Zwischenstopp: Alterschrofen im Schwangau – ein kleiner Ort, der sich versteckt hält zwischen bekannten Namen wie Neuschwanstein und Hohenschwangau, als wolle er seine Magie nicht jedem zeigen. Hier: Ruhe. Grün. Berge. Frische Luft, die nach Freiheit schmeckt. Die Alpen standen da wie aufgezogen, und die Wiesen wirkten, als würden sie von innen leuchten.
Unser Tipp: Geheimspot
Nach sechs Stunden Fahrt – und einer durchmeditierten Sitzfläche – rollten wir am Abend in Innsbruck ein. Unser Ziel: das Hotel Charlotte. Vier Sterne laut Website, „Wohlfühlhotel“ laut Eigenwerbung. Die Realität? Nennen wir es diplomatisch: überraschend bodenständig. Die Rezeptionistin war sichtlich im Multitasking-Modus, zwischen Service, Papierstapel und improvisiertem Lächeln. Das „beste Zimmer im Haus“, das sie uns versprach, ließ sich am ehesten über den Balkon mit Blick auf die Liegewiese schönreden.
Hier haben wir übernachtet:
HOTEL CHARLOTTE
Wir hielten nicht lange inne – das Abenteuer lag schließlich draußen. Hunger trifft Entdeckergeist: die perfekte Kombination, um Innsbruck kulinarisch zu erkunden.
Der Tag beginnt mit einem Dröhnen – nicht im Kopf, sondern unter uns. Das Motorrad schnurrt, wir sind wieder unterwegs. Unser Ziel: der Brennerpass, einer der ältesten Alpenübergänge Europas – und heute immer noch einer der meistbefahrenen Grenzpunkte zwischen Österreich und Italien. Ein geschichtsträchtiger Korridor zwischen Welten, der gleichzeitig Motorradtraum und logistische Lebensader ist.
Die Sonne hängt tief über dem Alpenhauptkamm, als wir die österreichisch-italienische Grenze überqueren. Und obwohl der Brenner keine geheimnisvolle Route ist – eher ein viel befahrener Klassiker – hat er dieses gewisse Etwas: das Gefühl, auf dem Weg zu etwas Großem zu sein.
Und dieses „Große“ kam – in Dobbiaco.
Wir steigen ab. Vor uns türmen sich die Drei Zinnen, ein postkartenreifer Gebirgsstock der Dolomiten, dessen schroffe Schönheit selbst staubige Reisende sprachlos macht. Kein Filter nötig. Wir stehen einfach da, still im Schatten, und lassen das Gesehene wirken.
Unser Tipp: Fotostopp
Aber natürlich wollen wir mehr.
Ein kleiner Umweg – oder besser: ein Muss – führt uns zur Mautstation 3 Cime di Lavaredo. Von hier windet sich die Straße in eleganten Kehren hoch zur Auronzo-Hütte auf 2.333 Metern Höhe. Wer denkt, die Aussicht an der Mautstation sei das Highlight, wird oben eines Besseren belehrt. Die Terrasse der Hütte ist wie ein Kino mit nur einem Film: Die Dolomiten in Breitbild – und wir in der ersten Reihe.
TRE CIME DI LAVAREDO
Öffnungszeiten:
Mai bis Oktober
Nach so viel Panorama knurrt der Magen.
Und wo, wenn nicht in Italien,
fängt ein hungriger Bauch mit Pasta an zu träumen?
Wir finden unser Glück.
Cacciatori.
Die beste Pasta, Punkt.
Ohne Michelin-Stern, aber mit Sternenblick.
Kulinarische Empfehlung:
CACCIATORI
Nach vier Stunden Fahrt wollen wir raus aus unseren Motorradklamotten, die sich mittlerweile wie zweite, etwas zu enge Haut anfühlen. Unser nächstes Ziel: Padola. Ein verschlafenes Skiörtchen mit Panoramablick auf die Dolomiten und dem gemütlichen Sommercharme einer Postkarte aus den 80ern. Hier schließt der Supermarkt zur Siesta, und es ist absolut still – wie ein Ort, der selbst kurz Urlaub macht.
Das Hotel? Eine Überraschung. Modern, freundlich und: Panoramablick Deluxe – ganz so, wie wir es uns gewünscht hatten. Einchecken, abwerfen, durchatmen. Der Wellnessbereich gehört uns ganz allein: Sauna, Dampfbad, Terrasse mit Aussicht – als hätte jemand einen Spa-Tempel auf 1.200 Meter gebaut und vergessen, ihn zu bewerben.
Hotel Empfehlung:
LA TORRE
Aber: Abenteuer kennt keinen Ruhetag.
Der Hunger zieht uns hinaus in den Ort – nur… wo sind die Menschen? Padola wirkt wie ein Filmset nach Drehschluss. Fünf Seelen begegnen uns auf dem Weg zur Restaurantsuche. Und dann entdecken wir es: ein Banner mit der Aufschrift „Skay“ flattert an einer Holzhütte auf der Wiese hinter unserem Hotel. Die Terrasse sieht zu, die Schirme zusammengeklappt. Zweifel. Weitergehen? Wir tun es.
Doch irgendwas hält uns fest – mitten auf der Straße bleiben wir stehen. Umkehren. Wieder durch die Wiese. Und da ist es: Restaurant Skay.
Von der Rückseite aus betrachtet: plötzlich voller Menschen.
Wo kamen die alle her?
Jetzt wissen wir’s. Pizza: sensationell.
Pasta: hausgemacht und mutig gewürzt.
Tiramisu: ein Gedicht mit Schlagsahnepunkt.
Der Wein: Charakter, Tiefe, ein bisschen Drama – wie die Dolomiten.
Kulinarische Empfehlung:
SKAYManche Orte fühlen sich sofort richtig an – nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie etwas in dir zum Klingen bringen. Padola war so ein Ort. Und eigentlich sollte es heute weitergehen. Eigentlich. Doch dann kam dieser Morgen. Der Besitzer unseres Hotels, ein Herr mittleren Alters der kaum Englisch sprechen konnte, stand mit leuchtenden Augen vor Kaya, verabschiedete sich, als würden wir ihm fehlen. Kein schnelles „Ciao“, sondern ein Moment, der hängen blieb – warm, aufrichtig, unerwartet tief - mit einer verbrüderten Umarmung. So begann der Tag mit einem Gespräch, das mehr Herz hatte als viele Begegnungen in einem ganzen Jahr. Und so beschlossen wir: Wir bleiben. Noch einen Tag. Für Padola. Für uns. Für diesen Ort, der so unaufgeregt schön ist.
Der Himmel war warm und weit, nur hin und wieder durchzogen von kleinen, dramatisch-grauen Wolken, die sich wie Statisten hinter den Dolomiten wieder verabschiedeten. Perfektes Motorradwetter, also schnappten wir uns unsere Helme und tuckerten los – eine kleine Tour, aber eine landschaftliche Offenbarung. Unser Weg führte über das Biotopo Torbiere di Danta, ein kleines Hochmoor in der Nähe von Danta di Cadore – ein geschütztes Naturparadies, das kaum jemand kennt, aber leise Geschichten von Stille und ursprünglichem Leben erzählt. Danach ging’s weiter zum Lago di Auronzo, einem tiefblauen Spiegel mitten in den Bergen. Ufer. Wasser. Weite. Kein Bild kann festhalten, wie klar die Luft dort riecht.
Zurück fuhren wir am Piave entlang, einem Fluss, der einst Schauplatz bitterer Kriegsgeschichte war und heute wirkt, als wolle er nur noch Frieden flüstern.
Am Nachmittag kehrten wir zurück nach Padola – und tauchten wieder ein in unseren ganz persönlichen Wellnesshimmel. Sauna, Dampfbad, offene Terrasse mit Dolomitenblick. Und irgendwann war klar: Das hier ist kein „Spa“, das ist eine kleine Auszeit vom Weltsein. Doch wir wollten noch mehr Natur. Also: Decke gepackt, eine Flasche Wasser, ein paar Snacks – und dann raus. Rauf zur Skiwiese, gleich hinter dem Hotel. Der Blick? Fast surreal. Die Dolomiten zum Greifen nah, in stiller, goldener Nachmittagsstimmung. Unser Picknick fühlte sich an wie ein Geheimnis, das wir mit niemandem teilen mussten.
Der Abend? Natürlich wieder im Skay. Unser kulinarischer Zufluchtsort, den man erst findet, wenn man sich einlässt – auf Orte, die sich nicht laut ankündigen. Pizza. Pasta. Tiramisu. Der Wein schmeckte heute noch ein bisschen runder. Vielleicht, weil wir wussten, dass es das letzte Mal hier sein würde. Und dann kam er doch noch: der Regen, der sich den ganzen Tag angekündigt hatte. Aber anstatt zu fliehen, lachten wir. Zogen die Schuhe aus. Und liefen barfuß durch die nasse Wiese zurück zum Hotel – durch warmen Sommerregen, der keine Eile kannte.
Die Wetterkarte hatte sich gedreht: Deutschland trocknete langsam auf, während sich die Regenfront nun Richtung Norditalien schlängelte – als wolle sie uns zum Aufbruch drängen. Also hieß es: aufsteigen, durchatmen, abfahren.
Letzter Blick aus unserem Hotelzimmer in Padola – ein Fensterrahmen, der wie ein Gemälde wirkte: Dolomitenpanorama, in Blau, Grau und Licht. Und dazwischen wir – dankbar, aufgeladen, ein bisschen wehmütig.
Der Abschied fiel nicht leicht. Nicht vom Ort, nicht von dem Besitzer, mit dem sich über die Tage so etwas wie Freundschaft entwickelt hatte. Es war eine stille Umarmung mit Blick auf die Berge – und dieses leise Versprechen, irgendwann zurückzukehren.
Unsere Route führte uns nordwärts, über Winnebach zurück Richtung Österreich. Der Verkehr: kaum vorhanden. Die Landschaft? Atemraubend. Grüne Bergmatten, Geröllfelder wie aus einer anderen Welt, Gletscherbäche, blühende Wiesen – und dann, ganz plötzlich: Er.
Seine Majestät – der Großglockner.
Mit 3.798 Metern ist er der höchste Berg Österreichs – und ein echtes Erlebnis für alle, die Kurven lieben. Die Großglockner Hochalpenstraße zählt zu den schönsten Panoramastraßen Europas – und ist mit ihren engen Kurven und fast 2.600 Höhenmetern ein Spielplatz für Motorradfahrer.
GROSSGLOCKNER HOCHALPENSTRASSE
Öffnungszeiten:
Mai bis September (06:00 - 21:00 Uhr)
Wir fuhren bis zum Hochtor, dem höchsten Punkt der Route – ein windiger Passübergang, von dem aus die Welt wie in Watte getaucht erscheint. Die Wolken lagen unter uns, flossen sachte über die Felsrücken, als hätten sie selbst keine Eile. Fahren fühlte sich an, als würde man durch ein Gemälde tauchen. Manchmal fragst du dich, ob du gerade ein Teil der Landschaft bist – oder ob sie Teil von dir geworden ist.
Hinter jeder Kurve: ein Wasserfall. Hinter jedem Wasserfall: noch mehr Staunen. Und irgendwann dann: Hunger. Zell am See. Mittagssonne. Blauer Himmel. Der türkis schimmernde See glitzerte, als hätte jemand Diamanten hineingestreut. Der perfekte Ort für einen kleinen Zwischenstopp – Eis, Beine vertreten, ein bisschen ankommen.
Unser Tipp: Ausruh-Stopp
Etwa 100 Kilometer weiter, kurz nach der Grenze bei Niederndorf, fanden wir einen echten Glücksgriff: den Berggasthof Hummelei. Die Terrasse? Der Stoff, aus dem Reiseträume sind – mit Blick auf die Kampenwand, einer markanten Felsformation der Chiemgauer Alpen. Darunter: das Tal, in warmes Abendlicht getaucht.
Kulinarische Empfehlung:
HUMMELEIUnsere letzte Etappe führte uns – nach fast sechs Stunden im Sattel – schließlich zurück nach Rosenheim.
Müde, aber erfüllt.
Leicht sonnenverbrannt, aber glücklich.
Reisehaut, Reisesinn, Reiseherz.
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