Tourdaten:
Mit dem Flugzeug 1750 km (Luftlinie) - Flugzeit: 4 Std. 30 Min.
Route:
von Coimbatore nach Varanasi (Zwischenstopp: Chennai)
Highlights entlang der Strecke:
Der Weg nach Varanasi beginnt in der Luft. Von Coimbatore fliegen wir nach Chennai – ein kurzer Sprung über vertrautes Terrain – doch der Anschlussflug nach Varanasi bringt uns nicht nur geographisch, sondern gefühlt in eine andere Welt.
An Bord: die Hälfte der Passagiere in leuchtend orangefarbenen Roben. Mönche. Ruhig, gesammelt, fast schwebend sitzen sie in den Sitzen, als würden sie gar nicht reisen, sondern einfach nur still existieren.
Dann die Landung. Als sich die Bordtür der Boeing öffnet, schlägt uns ein eisiger Hauch entgegen. Die tropische Wärme Südindiens – unsere vertrauten 37 Grad – scheinen in weiter Ferne. Jetzt sind es 12 Grad, die sich anfühlen wie sibirischer Winter, besonders für Körper, die noch von Kokospalmen und Sonnenbrand erzählen.
Ein Fahrer bringt uns durch die Straßen Varanasis – und was wir sehen, ist Armut in anderer Gestalt. Sie wirkt hier stiller, schwerer. Im Süden trägt die Armut ein Lächeln, im Norden begegnet sie uns mit ernsten Blicken, in denen Geschichten wohnen, die nicht jeder erzählen mag.
Der Verkehr? Chaotisch wie eh und je – aber selbst das Durcheinander scheint kälter, als hätte sich auch das Temperament an die Temperatur angepasst. Unser Hotel – sorgsam ausgesucht, möglichst nahe an den Ghats, aber mit einem Hauch Komfort – entpuppt sich als kleine Enttäuschung. Nicht schmutzig, nicht schlimm, sogar bemüht, aber feucht und klamm wie ein unbeheiztes Ferienhaus im Frühling. Wir flüchten nach draußen, in der Hoffnung, ein wenig Wärme und Leben zu finden. Doch schnell wird klar: ich werde angestarrt. Nicht wie im Süden, wo die Blicke neugierig, manchmal fast liebevoll sind. Hier sind sie prüfend, abwartend. Kaya spürt es auch und bleibt nah bei mir, wie ein stiller Schutzengel in der Kälte.
Wir kaufen Wasser, ein paar Kekse für die Nacht, und kehren zurück. Vor dem Hotel entdecken wir ein kleines Restaurant – wenn man es denn so nennen kann. Ein alter Bus, umgebaut zur Küche, davor ein paar Tische auf einer Terrasse, eingebettet in den stetigen Lärm der Straße.
Google schwärmt. Kaya wirft einen skeptischen Blick in den Innenraum, begutachtet die Töpfe, die Ordnung, den Dampf. Dann ein Nicken: wir bleiben.
Das Essen überrascht – einfach, aber ehrlich. Schärfe mit Charakter, Gewürze mit Geschichte. Und für uns beide zusammen: zehn Euro. Ein Schnäppchen in Euro, ein Schatz in Geschmack.
So beginnt Varanasi – nicht wie ein Postkartenmotiv, sondern wie ein Kapitel, das man nicht erwartet hat. Kalt, ehrlich, unbequem. Aber auch: echt.
Kulinarische Empfehlung:
PUNJAB DI TRUCKDer Morgen in Varanasi beginnt mit einem Hauch von Widerstand – unsere Kleidung ist klamm, die Zimmer feucht, die Stimmung gedrückt. Wir wollen nur eins: raus. Raus aus dem Hotel, raus in die Stadt, raus in den Tag.
Ein Fahrer bringt uns in einen Starbucks – ein seltsam vertrauter Zufluchtsort, fast wie ein Stück westliche Welt, das sich verirrt hat. Dort sitzen wir, atmen durch, planen weiter. Unser Ziel: die Ghats am Ganges. Der heilige Fluss ruft, und wir wollen einfach nur beobachten, spüren, sehen.
Unser Tipp: Shuttleservice vor Ort
UBEREin zweiter Fahrer bringt uns näher zum Wasser, doch mitten im Gassengewirr stoppt Kaya das Auto. Wir sind im Vishwanath Gali gelandet – einer der engsten, lebendigsten Adern der Altstadt. Kaya will laufen, sich hineinwerfen ins Gedränge, spüren, wie die Stadt atmet.
Es ist ein Labyrinth aus Lärm und Leben. Frauen in leuchtenden Saris drängen sich mit entschlossener Eleganz durch schmale Gassen, an Essensständen zischt das Fett, Kühe blockieren ungerührt den Weg. Alles riecht nach Gewürzen, nach Rauch, nach Vergangenheit.
Am Dashashwamedh Ghat angekommen, setzen wir uns auf eine der Treppenstufen. Männer tauchen ihre Köpfe ins Wasser, gurgeln mit dem heiligen Fluss, Frauen waschen Kleidung, Kinder lachen, Pappteller mit Blumen treiben auf der Wasseroberfläche. Der Ganges wirkt trüb, fast bedrohlich – für uns. Aber hier? Hier ist das Wasser nicht nur Wasser, es ist Glauben, Leben, Reinheit.
Wir laufen die Ghats entlang. Boote liegen bereit. Ein Fahrer ruft uns –zwanzig Euro will er haben. Kaya hält einen jungen Inder an, er verrät uns, dass seine Fahrt gerade mal einen Euro gekostet hat. Kaya verhandelt, bleibt hartnäckig, und schließlich sitzen wir für zwei Euro im Boot.
Die Menschen winken vom Ufer aus zu uns, lachen, steigen dazu. Ein Selfie hier, ein kurzes Gespräch dort – und plötzlich ist das Boot voll. Auf dem Wasser treibt eine andere Welt.
Am Ufer: Treppen, Feuer, Wäscheleinen, Andacht.
In den Booten: Pilger mit Wasserflaschen.
Sie tauchen sie in den Fluss, füllen sie wie flüssiges Heiligtum.
ERFAHRUNGS-BOX
Dann sehen wir Rauch. Viel Holz. Und eine Terrasse darüber. Manikarnika Ghat. Der Ort der Toten. Unser Boot macht einen Zwischenstopp.
Kaya zieht mich mit. Die Gassen werden enger, der Geruch süßlich, fremd. Männer tragen Körper – in rote und goldene Tücher gewickelt – auf Bambusbahren durch die Gänge. „Ram Naam Satya Hai“ rufen sie, wieder und wieder.
Ein Fremder spricht uns an, zieht uns hoch auf die Terrasse. Und plötzlich stehen wir oben – auf der Terrasse über den brennenden Scheiterhaufen. Fünf Feuer lodern, ruhig, kraftvoll. Überall liegen orange und rote Tücher. Die Hitze schlägt mir ins Gesicht.
Ich begreife kaum, was ich sehe – und sehe doch direkt in den Tod.
Der Mann erklärt mit klarer Stimme. Jeden Tag verbrennen sie hier Hunderte. Wer es sich leisten kann, kauft Sandelholz, das edel duftet und schnell verbrennt. Die Armen erhalten einfaches Holz – und manchmal braucht ein Körper drei Stunden, um zurückzugeben, was er war.
Wir sehen Arbeiter an der Waage, Männer, die Holz tragen, Boote beladen, stapeln, anheizen – alle freiwillig. Aus Hingabe. Er zeigt uns einen Turm. Dort oben sitzen alte Menschen – still, dünn, reglos. Sie sind hierhergekommen, um zu sterben.
ERFAHRUNGS-BOX
Wir brauchen Abstand. Stille.
Ein Restaurant mit großer Terrasse bietet beides.
Wir steigen viele Stufen hinauf – und oben breitet sich eine andere Welt aus: Ruhe.
Einmaliger Blick auf das Chaos darunter, das jetzt wirkt wie ein Wimmelbild. Drachen tanzen am Himmel. Ein Flötenspieler lockt seine Kobra aus dem Korb. Kinder lachen. Touristen werden von Henna-Künstlern verfolgt.
Kulinarische Empfehlung:
DOLPHIN
Der Abend senkt sich, und wir kehren zurück zum Dashashwamedh Ghat. Menschen strömen herbei. Kaya entdeckt eine Terrasse – ein Mann erlaubt uns, für zwei Euro dort zu verweilen.
Dann beginnt das Ganga Aarti.
Glockenläuten. Rauch. Priester in seidener Kleidung heben mehrstöckige Öllampen wie leuchtende Türme in die Luft. In perfekter Choreografie bewegen sie sich im Takt uralter Hymnen.
Die Menschenmenge verschmilzt zu einem einzigen Körper, klatscht, betet, versinkt. Hinter uns dümpeln Boote, voll besetzt, eng an eng.
TIPP
Dann fällt die Temperatur. Schnell. Die Nacht wird plötzlich kalt.
Wir wollen zurück. Doch der Weg durch das Gassengewirr ist unübersichtlich. Kaya fragt nach dem Weg hinaus aus diesem Gassenlabyrinth. Mehrere Arme deuten wortlos in dieselbe Richtung. Die Worte, die folgen, sind kaum verständlich. Ein großer Schwall von Speichel wird von den Männern auf die Straßen gespuckt und hinterlässt dort rostrote Spritzflecken. Hotels tauchen auf – wir schauen uns Zimmer an. Und plötzlich, ganz leise, sind wir dankbar für unser klammes Hotel. Es ist sauber. Es ist modern.
Wo wir geschlafen haben:
SUGAR STARS INNWir kommen auf einer größeren Straße an, lassen einen Fahrer kommen, der uns zurück ins Hotel bringt. Später liegen wir im Bett, erschlagen von allem, was wir gesehen, gespürt, gerochen haben.
Es ist unser letzter Tag in Varanasi. Morgen geht es weiter nach Neu-Delhi, doch heute wollen wir noch einen Ort sehen, der – so sagt man – alles verändert hat.
Ein Fahrer holt uns ab, die Fenster des Wagens schmutzig vom Staub der Stadt, der selbst durch Klimaanlagen seinen Weg in jede Falte findet.
Unser Ziel: Sarnath – der Ort, an dem Buddha, frisch erleuchtet, das erste Mal sprach. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern in sanften Worten, die die Welt seither in Schwingung versetzt haben.
Hier, in einem schlichten Wildpark nordöstlich von Varanasi, hielt er seine erste Predigt – die sogenannte „Dharma-Rede“. Keine Prophezeiung, kein Flammenmeer. Nur ein Mann unter Bäumen, der erklärte, dass das Leiden Teil des Lebens sei – und dass man ihm dennoch mit Klarheit, Mitgefühl und Gleichmut begegnen könne.
Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag von 09:00 bis 17:00 Uhr
Wir betreten die Anlage. Mächtige Stupas ragen in den Himmel, Steine tragen Inschriften, und überall stehen Gruppen in neonfarbenen Mützen, geführt von Megaphonen und Selfiesticks. Die Spiritualität liegt hier noch immer in der Luft – aber man muss sie zwischen die Stimmen und Souvenirs hören.
Nach kurzer Zeit tauschen wir das gepflegte Gelände wieder gegen das, was Indien für uns ausmacht: das Ungeplante, das Gedrängte, das Echte.
Zurück in den Gassen, zwischen lärmenden Motorrädern, heiligen Kühen und Gewürzgeruch, fühlen wir wieder den Puls des Landes. Nicht als Bild, sondern als Atem – rau, fremd, lebendig.
Varanasi war eine Erfahrung, die sich in uns eingebrannt hat – rau, heilig, widersprüchlich. Wir sind dankbar, sie gemacht zu haben. Doch ein zweites Mal würden wir diesen Ort wohl nicht aufsuchen. Manche Orte lehrt man nur einmal – und trägt sie dann für immer mit sich.
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